"Hinter Gittern"

Ein Projektseminar des Seminars für Volkskunde/Kulturgeschichte in Kooperation mit dem Stadtmuseum Camburg zur musealen Neugestaltung der Gefängniszelle des Amtshofes zu Camburg (SoSe 2017 - WiSe 2017/18)

Meldung vom: 01. Januar 2018, 20:48 Uhr

Dokumentation des Projektseminars "Hinter Gittern"

Hinter Gittern - Exkursion Foto: FSR VKKG

Als die Gruppe der Studierenden im Sommersemester 2017 das erste Mal das Museum und insbesondere besagte Zelle besuchte, gelangten sie durch einen relativ dunklen Flur, der mit verschiedenen landwirtschaftlichen Gerätschaften vollgestellt war, vorbei an zwei schweren Türen mit Gucklöchern, hinter denen ein Büro und ein Depot untergebracht sind, in einen kleinen Raum. Rechter Hand befindet sich eine hochgeklappte Pritsche aus einem mit Brettern ausgelegten Eisenrahmen; linker Hand das Gestell heruntergelassen mit Strohbett. Der Raum offenbarte den BesucherInnen zunächst einige Rätsel. Vor allem die Wand über dem ausgeklappten Schlaflager ist übersät mit Kritzeleien: kleine Figuren, scheinbar durch Striche abgezählte Tage der Inhaftierung, kaum mehr entzifferbare, in Kurrent geschriebene Sprüche und Datumsangaben. An der Stirnseite sind eine Vitrine mit verschiedenen, vielfach ebenfalls in Kurrent gehaltenen Akten sowie eine Fußfessel und weitere Vollstreckungsinstrumente, deren Funktion zunächst verschlossen bleibt. Über der hochgeklappten Pritsche gab es einige Fallakten in simplen schwarzen Ikea-Rahmen, die mit der Zelle in Verbindung gebracht werden.

 

Hinter Gittern - Exkursion Foto: FSR VKKG

Nach der Vermessung des vorgefundenen Raumes, zurück im Seminar in Jena, folgten erste Diskussionen: Was hat es mit den Zeichnungen auf der Wand auf sich? Wie können wir die Geschichte des Raumes adäquat darstellen? Wie sieht die Quellenlage aus? Wer musste hier wann seine Strafe absitzen? Was kann mit der Zelle gezeigt werden und was wollen wir zeigen? All dies waren drängende Fragen und Herausforderungen für die studentische Gruppe. Ihre Aufgabe sollte es nämlich sein, die Gefängniszelle als Raum innerhalb des Stadtmuseums neu zu gestalten!

Das Stadtmuseum Camburg befindet sich im alten Amtshof vis-à-vis zum ehemaligen Gerichtsgebäude der Stadt, welches heute eine Bibliothek beherbergt. Der Amtshof unterlag seit der Auflösung des Amtes unterschiedlichen Nutzungsweisen, die heute noch architektonisch erkennbar sind. Während der Großteil inzwischen als Museum genutzt wird, befindet sich darin etwa immer noch eine vermietete Wohnung, zu der eine der ursprünglich vier Gefängniszellen als Heizungskeller gehört. Der Museumsteil des Gebäudes beherbergt in seiner charmant verwinkelten Raumstruktur eine vielfältige Dauerausstellung zum Alltag im Camburg der Vergangenheit. Allein das Potential des Traktes mit den Gefängniszellen schien unterschätzt, zumal es authentische Überbleibsel des ursprünglichen Gebäudes und dessen Geschichte sind und nicht etwa inszenierte Räume, wie die Kneipe, die Drogerie oder eine der Schauwerkstätten des Museums. 

Die Projektgruppe beschloss, sich zunächst mit den zuhauf überlieferten Akten zu Strafsachen in Camburg zu beschäftigen, wurde aber letztendlich übermannt von der Fülle der Quellen, weshalb man sich in Sachen vollzogenen Haftstrafe auf den Zeitraum 1839-1849 beschränkte, für diesen aber eine detaillierte Aufstellung der Fälle mitsamt graphischer Umsetzung konzipierte. Zu den Quellen aus dem Kreisarchiv sowie den alten Ausgaben des Camburger Wochenblattes kamen nach einem Zeitungsaufruf noch Eindrücke von Zeitzeugen, die die tatsächliche Nutzung der Räumlichkeiten als Gefängniszelle, Polizeiamtsstube und Flüchtlingsunterkunft erinnerten. Die Forschung zum Ausstellungsort förderte also immer mehr Informationen zu Tage, weshalb in Rücksprache mit der Museumsleiterin Pauline Lörzer nun auch der Flur vor den Zellentüren leergeräumt wurde, um dort dem kulturhistorischen Hintergrund Raum zu geben. „Wem gehörte Camburg?“ „Geschichte des Hauses“ „Strafen im 20. Jh.“ „Wofür saß man hier im Gefängnis?“ „Orte des Strafens“ – so heißen nun die Überschriften der Texttafeln im Flur, die den Besuchern gleichsam im Vorbeigehen den Kontext zur bevorstehenden Besichtigung der Zelle liefern sollen. In der Zelle selbst entschloss sich die Gruppe dazu, die Kargheit des Raumes an sich wirken zu lassen und nur einen einzelnen Fall zu thematisieren. 

Hinter Schloss und Riegeln/schwedischen Gardinen Foto: Stadtmuseum Camburg

Ungeklärt waren lange die Kritzeleien an den Wänden; Sie konnten nicht original sein; Informationen fehlten. Erst der Fund eines Zeitungsartikels aus den 1990er-Jahren gab Auskunft, dass es vergrößerte Darstellungen der in den Metallmantel der Gefängnistür geritzte Darstellungen sind. Auch diese Autographen der Insassen sind Thema in der Zelle. Neben solch erhellenden Erfolgserlebnissen detektivisch-kulturwissenschaftlicher Arbeit ermöglicht das zweisemestrige Projektseminar den Studierenden, die Genese einer Ausstellung nachzuvollziehen. Zunächst waren die Studierenden kreativ gefragt, was sodann in die Fragen der Finanzierung mündete. Im abgesteckten Rahmen der Gefängniszelle mit dazugehörigem Flur erarbeiteten die Studierenden eigenständig den historischen Kontext des Gebäudes und der Funktion der Gefängniszellen. Diese Erkenntnisse mündeten in die konzeptionelle und inhaltliche Ausgestaltung der Räumlichkeiten. Auch die Finanzierung und Bewerbung des Projektes wurde unter Anleitung maßgeblich von den studentischen TeilnehmerInnenn erarbeitet. Die Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Camburg stellte sich als Glücksfall heraus, weil Pauline Lörzer den Studierenden ermöglichte, viele ihrer eigenen Ideen umzusetzen und sich damit die nahezu einmalige Chance bot, im Rahmen eines Studienprojektes zumindest den Teil einer Dauerausstellung nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Das Interesse an unserer kleinen Ausstellungseröffnung am 24.01.2018 war überwältigend. Obwohl zunächst nur Wasser und Brot gereicht wurde, platzte das Museum fast aus allen Nähten. Wir als Projektteam bedanken uns ganz herzlich bei den BesucherInnen und für den Zuspruch, den wir am Rande der Eröffnung bekommen haben. Die neu gestalteten Räume sind nun Teil der Dauerausstellung und können innerhalb der Öffnungszeiten des Museums besichtigt werden.

Einige Einblicke in den Entstehungsprozess und den Eröffnungsabend

Foto: FSR VKKG
Foto: FSR VKKG
Foto: FSR VKKG
Foto: FSR VKKG
Foto: FSR VKKG
Foto: FSR VKKG
Foto: FSR VKKG
Foto: FSR VKKG

Text: Wolfgang Vogel
Bilder: Tom Eckelmann, Kristina Ganss, Verena Plath, Wolfgang Vogel 

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