“Wir wohnen Wort an Wort”

Banat, Siebenbürgen, Bukowina: Ein Ethnograffiti Südosteuropas

Meldung vom: 23. Januar 2019, 20:54 Uhr

“Wir wohnen Wort an Wort” - Banat, Siebenbürgen, Bukowina: Ein Ethnograffiti Südosteuropas

Ausstellung vom 08. April bis 14. Mai 2019 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena


Projektwoche mit Lesungen (Marius Koity, Annemarie Otten, Carmen-Francesca Banciu, Iris Wolff, sissi tax) Podiumsdiskussion (mit Cornelia Eisler, Florian Kührer-Wielach, Oxana Matiychuk, Michaela Nowotnick) und Konzert (La Bassarabia Banda & DJ Illmagic) vom 05. Mai bis 10. Mai 2019


Gastspiel des Stückes “Tagebuch Rumänien. Temeswar” des Deutschen Staatstheaters Temeswar von Carmen Lidia Vidu am 21. Mai 2019 am Theaterhaus Jena

Video: FSR VKKG
Wir wohnen Wort an Wort - Gruppenbild Foto: FSR VKKG

 

35 Adjektive hat die rumänische Politikwissenschaftlerin Ruxandra Cesereanu gelistet, mit denen Autor*innen das rumänische Wendejahr 1989 in Presse und politischen Analysen bisher charakterisierten; das Adjektiv “friedlich” gehört nicht dazu. Über 900 Tote waren zu verzeichnen; gegen die “Demonstrierenden des Volksaufstandes”, so der Terminus der Tagesschau im Dezember 1989, schossen bis heute nicht identifizierte Scharfschützen zur Verteidigung des alten Regimes. Einmal mehr können wir erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass hierzulande die Ereignisse vor 30 Jahren friedlich verliefen, zeigt der “rumänische Fall” doch, was ebenso gut hätte passieren können.

Das Jahr 1989 verbindet Rumänien und Deutschland nicht nur durch die geteilte Revolutionserfahrung. Nachdem bereits unter dem Regime von Nicolae Ceaușescu Angehörige der deutschsprachigen Minderheit gegen ein Kopfgeld seitens der Bundesrepublik eine Ausreisegenehmigung erhalten konnten und nach Westdeutschland flüchteten, folgte der Exodus nach dem Fall der Mauer: Über 100.000 Deutsche verließen ihre angestammte Heimat auf Grund der politisch unübersichtlichen und wirtschaftlich desolaten Lage. Auch wenn heute bloß wenige zehntausend Deutsche noch in Rumänien leben, sind  ihre Sprache und Kultur nicht untergegangen: Sie wird von Rumän*innen gepflegt, die auf der Suche nach besserem Einkommen und größerer Mobilität die deutschen Schulen besuchen und die Kultur der rumänischen Deutschen aufrecht erhalten.

Der Bruch von 1989 hat die Grundfesten des multiethnischen Staates erschüttert, wie sich auf unserer Forschungsreise im Oktober 2018 immer wieder gezeigt hat. Mit einer Gruppe von 13 Studierenden und drei Dozent*innen der Fächer Volkskunde und Rumänistik der Universität Jena konzipierten und unternahmen wir eine Feldforschung. Vor Ort sprachen wir im Banat, in Siebenbürgen und der Bukowina mit Gebliebenen und Zurückgekehrten, interviewten Kulturschaffende und Wissenschaftler*innen, um mehr über das Zusammenleben in Rumänien und in der Südukraine zu erfahren (siehe TVV-Mitteilungen, 26/3 (2018), S. 45-47.).

Die gewonnenen Erkenntnisse bildeten auf der Basis von Bild- und Tonmaterial die Grundlage für eine Ausstellung, die das Wort selbst inszenierte. Als Titel wählten wir “Wir wohnen Wort an Wort” - ein Zitat auch in Gedenken an die Dichterin Rose Ausländer, die die Bukowina noch als selbstverständliche Vielvölkerregion erlebt hat. Unser Ansatz, das Feld ethnographisch im Team zu beforschen, führte sich für die Analyse und Ausstellungskonzeption fort. In relativ kurzer Zeit wurde die Arbeit im Team koordiniert, gemeinsam Wissen produziert und im Sinne einer öffentlichkeitswirksamen Anthropologie aufbereitet. Kleingruppen arbeiteten an den einzelnen Teilaufgaben zwischen Analyse und Darstellung, Finanzierung und Organisation von Räumlichkeiten und Rahmenprogramm, koordiniert über die digitalen Plattformen Telegram und Slack. Social media als ein Kommunikations- und Organisationsmittel ermöglichte es der Gruppe effizient zusammenzuarbeiten.

Es stellte eine Herausforderung dar, der Sprache wortwörtlich Raum zu geben. Wie stellt man Sprache aus? Ethnographische Interviews gehören zu den klassischen Methoden der Volkskunde, wie jedoch setzt man immaterielle philologische und ethnographische Aspekte in Szene? Mit der Analyse und Codierung der Gespräche verfestigten sich zunächst die Themenschwerpunkte. Durch die interdisziplinären Perspektiven zwischen dem regionalen Schwerpunkt der Rumänistik und dem weiten Ansatz der empirischen Kulturwissenschaft konnten wir diese Themenschwerpunkte weiter verdichten: Wir kontextualisierten unsere Daten mit dem fachspezifischen Wissen zur Geschichte der Regionen als Teile des Habsburgerreichs über die Gründung “Großrumäniens” bis zum Ende des Kommunismus. Wir verglichen und verknüpften unsere Feldbeobachtungen, Fotografien und gesammelten Objekte. Eine weitere Perspektive eröffnete die Auseinandersetzung mit literarischen Werken, wodurch sich die erhobenen Daten mit der Welt Paul Celans, Rose Ausländers oder Herta Müllers verknüpfen ließen. So entstand eine Ausstellung, die in sieben Stationen unsere Reise, das Feld und dessen Ambivalenzen aufzeigte. Jede Station beinhaltete eine Hörstation mit themenspezifischen Collagen aus den geführten Interviews, dazu waren Bilder und Objekte zu sehen, die konkret oder assoziativ das Thema aufnahmen. Die letzte und selbst begehbare Station wurde als ein Raum zur Reflexion unserer Forschungstätigkeit konzipiert, in dem Ausschnitte der Feldtagebücher, Reiseutensilien und bildhafte Szenen aus unserer teamethnographischen Unternehmung zu sehen waren. Schließlich war auch ein Film Teil der Ausstellung, der die Reise visuell nacherlebbar machte; eine Soundcollage verwob (u.a.) die Geräusche alter Straßenbahnen mit deutschsprachigen Volksliedern und rumänischer Lautsprecherwerbung.  

Die Schlüsse aus den Wendeereignissen sind divers. Sie hatten die Qualität eines kosmischen Ereignisses, eine Atmosphärenveränderung, nachdem die Berliner Mauer fiel und mit ihr eine ganze Welt unterging. Wir haben versucht dies in unserem Rahmenprogramm widerzuspiegeln: in Carmen-Francesca Bancius Roman “Ein Land voller Helden” zeichnet sich das Bild Rumäniens in der Erinnerung einerseits oft düster, wo es heißt: “Es gibt weder Anfang noch Ende. Es gibt keine Grenzen. Es gibt nichts mehr von dem, was wir kennen. Wovon wir glaubten, dass es existiert.” (Lesung am 7. Mai im Café Wagner). Andererseits erschafft die Erinnerung in Iris Wolffs “Halber Stein” idyllische Bilder des ländlichen Siebenbürgens (Lesung am 8. Mai im Restaurant Bauersfeld). Der Generationenwechsel seit der Wende zeitigte auch einen erinnerungskulturellen Wandel. Wer nur seine Kindheit in Rumänien erlebte, nimmt unbeschwerter den Kontakt zur früheren Familienheimat auf als die ältere Generation. Einige Schichten der Erinnerung wurden aber auch verschüttet. Wir versuchten sie durch unsere Forschungsreise aufzudecken und durch das Programm daran zu erinnern. Die Podiumsdiskussion “Endgültig verlassen und entfremdet? Musealisierung deutschen und jüdischen Lebens in Rumänien und der südlichen Ukraine nach 1989” (Katholisches Gemeindehaus “Gabriel Henry” am 9. Mai in der Wagnergasse) nahm Bezug auf fast verlassene Orte, die aber von kulturellen Initiativen vor Ort zurzeit wiederbelebt werden. Rückkehrer*innen, Freiwillige oder Aussteiger nehmen den Reiseweg von West nach Südost auf, diesmal mit Blick auf eine Zukunft im Land. Wir erlebten, wie sich sprachlich und musikalisch die gesamte Region durch eine Lust am Spiel mit Klang und überlagerten Bedeutungsschichten auszeichnet, wie sie auch in der Performancelesung von sissi tax und den Liedern der Bassarabia Banda zu Gehör gebracht wurden (10. Mai Kulturbahnhof).

Das multiethnische Rumänien ist heute zu einem europäischen Staat geworden. Viele der erzählten und verschwiegenen Geschichten bleiben jedoch relevant, wie das Ensemble des Deutschen Staatstheaters Temeswar mit der Inszenierung von Carmen Lidia Vidus Theaterstück “Tagebuch Rumänien. Temeswar” zeigte (Theaterhaus Jena, 21.5.2019). Die hier verhandelten Emotionen, Erkenntnisse und Erfahrungen - die von Brückenschlägen zwischen Dikatur und Neuorientierung, Kontinuitäten und Brüchen handeln - strahlen weit über die Grenzen des Landes am schwarzen Meer hinaus.

 

Viele Kooperationspartner waren beteiligt, maßgeblich die BKM-Kulturreferentinnen für Siebenbürgen und den Donauraum, das Theaterhaus Jena, die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und die Südosteuropagesellschaft München.

Jun.-Prof. Dr. Valeska Bopp-Filimonov, Dr. Anne Dippel, Oliver Wurzbacher

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